Partnerschaft mit Menschen in Guatemala

Eine kleine Gemeinschaft weltoffener Christinnen und Christen und ein Dachverband engagierter Dorfgenossenschaften ließen sich 1973 auf einen Prozess des Voneinander-Lernens ein.

Hier einige Etappen aus der Chronik einer Partnerschaft und Freundschaft.

Die große Stunde der kleinen Gruppe

1969 gründen 16 Bauerngenossenschaften in Guatemala den Dachverband FEDECOCAGUA (Federación de Cooperativas Agrícolas de Productores de Café de Guatemala – Dachverband der Kaffeebauerngenossenschaften Guatemalas). Die Idee der Genossenschaft lehnt man an das Modell von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schultze-Delitzsch an. Doch der Gedanke der solidarischen Dorfgemeinschaft ist ebenso tief in der Kultur Guatemalas verwurzelt.

Ziel des Dachverbandes ist es nicht in erster Linie, den erstklassigen Hochlandkaffee der Bäuerinnen und Bauern auf dem Weltmarkt zu etablieren, sondern mit der Ware Kaffee Informationen über die Lage der Indígena in Guatemala zu transportieren.

In keinem anderen Land Mittelamerikas bilden die Indígena, das heißt: die Ureinwohner (hier sind es Maya-Nachkommen) eine so starke Bevölkerungsmehrheit. Und in keinem anderen Land fällt die Verteilung von Grund, Einkommen, Infrastruktur, Bildung, medizinischer Versorgung, Menschenwürde und politischem Einfluss so stark zu Ungunsten dieser Mehrheit aus. Sie sind "entrechtete Erben“, die eine Stimme für ihr Anliegen suchen – und sie erhalten Antwort aus Europa.

"Wir sind alle Lernende!“

Der Kontakt zur action 365 kam 1972 über MISEREOR zustande. Er sollte sich für die fedecocagua als der langlebigste erweisen. Der geistige Leiter der action 365, Pater Wolfgang Tarara SJ, beschrieb einmal, wie viele Parallelen man trotz aller Unterschiede entdeckte: Das Vertrauen in die Stärke der kleinen Gruppe, ihre Chance, verkrustete Strukturen und Machtblöcke aufzubrechen. Und die Bereitschaft, vorbehaltlos miteinander umzugehen.

Pater Tararas Ausspruch "Wir sind alle Lernende!“ wird zum Motto der Partnerschaft, wobei sich die ehrenamtlichen Teams der action 365 zu keinem Zeitpunkt als "Entwicklungshelfer“ verstehen – ebenso wenig, wie die action 365 eine "Entwicklungshilfe-Organisation“ ist – , sondern als Schwestern und Brüder ihrer Freunde in Guatemala, die durch starke geistige Bande miteinander verbunden sind.

Durch und durch demokratisch

Von Anfang an zahlt die action 365 den Bäuerinnen und Bauern einen Aufpreis auf den jeweiligen Weltmarktpreis, heute sind es 15 %. Hinzu kommen Sonderzuwendungen, speziell für Bildungsausgaben und zur Bewältigung finanzieller, politischer oder durch Naturkatastrophen verursachter Not. In der Verwendung des Geldes lässt man der Generalversammlung der fedecocagua freie Hand.

Der Erfolg: Die Idee der Genossenschaft ist mittlerweile in Guatemala ebenso "salonfähig“ geworden wie die Vorstellung, dass jeder Bauer einen angemessenen Lohn für seine Arbeit mit dem Kaffee verdient hat.

Fedecocagua ist nach aktueller Einschätzung neutraler Experten durch und durch demokratisch organisiert. In der jährlichen Generalversammlung kommen Vertreter aller 148 Genossenschaften zusammen: Sie wählen den Aufsichtsrat, der wiederum den Geschäftsführer des Dachverbandes bestimmt.

Entwicklung im Gespräch

Auf Seiten der action 365 arbeitet man sich seit dem Beginn dieser Partnerschaft in entwicklungspolitische Fragen ein, es entstehen Materialien für kleine Gesprächsgruppen, dazu Poster, Karten und Prospekte, welche die Schönheit des Landes und die Würde der Menschen in Guatemala zeigen (Siehe: Verlag der action 365). Man steht in Treue zu den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, auch wenn deren Zusammenarbeit untereinander und mit dem Weltmarkt Höhen und Tiefen sowie viele wichtige Lernprozesse beinhaltet.

Die 80er Jahre: Auf Leben und Tod

Unter Guatemalas Präsident Rios Montt kommt es in den 80er Jahren zu einer beispiellosen Verfolgung der Indígena. Auch die Genossenschaften der fedecocagua leiden. Man hält dennoch an der Tradition fest, dass regelmäßig eine kleine Abordnung versucht, die Zentrale der action 365 in Frankfurt am Main zu besuchen.

Mit Hilfe der "Aktion 500x500“ gelingt es den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der action 365 in kürzester Zeit, ein Darlehen von einer halben Millionen Mark für die Genossenschaften aufzubringen – in vielen Einzeldarlehen. Ab 1987 fließen diese Gelder wieder zurück – die Bäuerinnen und Bauern sind stolz auf diese Leistung. Die Freundschaft hat sich erneut bewährt.

Der heute 77-Jährige Juan López Diaz besuchte die action 365 erstmals Ende der 70er Jahre. Damals tobte der Bürgerkrieg in Guatemala. Diaz konnte zwei Jahre lang nicht in sein Heimatdorf zurückkehren. Er nutzte das Exil, um die Freunde im Ausland aufzurütteln und über das Schicksal der Indígena zu berichten. Er fand in Pater Wolfgang Tarara SJ einen priesterlichen Freund und Begleiter.

"Mein Vater hat mir nach seiner Rückkehr immer wieder versichert, dass die FEDECOCAGUA-Bauern und ich persönlich einen Priester-Freund in Deutschland hätten“, erinnert sich sein Sohn José Angel López Camposeco, der später Geschäftsführer des Dachverbandes werden sollte. "Als ich Pater Tarara kennen lernte, begriff ich, was er gemeint hatte. Von diesem großartigen Mann hörte ich zum ersten Mal in Europa Worte, die meiner eigenen Philosophie und dem Wesen unserer Genossenschaften entsprechen: ‚Wir werden Sie als Freunde auf Ihrem Weg begleiten’, sagte er. ‚Aber wir werden Ihnen nicht vorschreiben, wie dieser Weg auszusehen hat’.“

Die 90er: Kämpfe & Katastrophen

Der Prozess der Demokratisierung Guatemalas erleidet immer wieder Rückschläge. So wird am 26. April 1998 der 75-jährige Weihbischof Juan Gerardi erschlagen: Zwei Tage zuvor hatte er der Öffentlichkeit einen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit präsentiert. Im gleichen Jahr fügt der Hurrikan "Mitch“ Menschen, Tieren und Plantagen schweren Schaden zu. Wieder hilft die action 365 den Bäuerinnen und Bauern beim Aufbau – und dabei, den Mut nicht zu verlieren.

Ab 2000: Auf Qualität setzen!

Massenhaft und billig auf den Markt geworfene Kaffeesorten aus Asien bedrohen Guatemala als Anbauland. Der Dachverband fedecocagua bietet seinen Bäuerinnen und Bauern relative Sicherheit, gestützt auf die Freunde und Kaffeeliebhaberinnen und Kaffeeliebhaber in Deutschland und auf die exzellente, nicht nachzuahmende Qualität ihrer 100 % reinen Hochland-Kaffees. Qualität zu einem angemessenen Preis, da sind sich Experten sicher, wird immer ihre Freunde finden!

Die Menschen hinter dem Produkt

Der Markenname indígena unseres Kaffees meint nicht in erster Linie das Produkt, sondern die Menschen und Freunde, die hinter dem Kaffee stehen. indígena bedeutet: ursprünglich zu diesem Land gehörig, dort geboren, daraus hervorgegangen. Als "indigene Völker“ bezeichnet man in aller Welt die Ureinwohner des jeweiligen Landes.

Wer auf die Kinder und die Jugendlichen des Landes setzt und in ihre Bildung und Ausbildung investiert, schafft die Grundlage für einen gesellschaftlichen Wandel und eine bessere Zukunft.

Im Gegensatz zu der Bezeichnung "indio“ anerkennt das Wort "indígena“ die Würde und die angestammten Rechte der indigenen Kleinbauern, der Maya-Nachfahren, die nach wie vor in enger Verbindung mit ihren Traditionen und der wunderschönen Natur ihres Heimatlandes Guatemala leben.

Tikal war eine der bedeutendsten Städte der klassischen Maya-Periode (3. bis 9. Jhdt.) und ist eine der am besten erforschten Maya-Stätten. Die ersten Siedlungsspuren reichen hier bis ins frühe 1. Jahrtausend v. Chr. zurück. Im 2. Jhdt. n. Chr. begann die eigentliche städtische Entwicklung mit der Errichtung von Tempeln, Stelen und Palastkomplexen. Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der heutigen Indígena entsteht auch ein neuer Stolz auf ihre Traditionen und die Leistungen ihrer Vorfahren.

November 2007: Die dritte Generation rückt nach

Im Sommer 2008 feiert die Partnerschaft zwischen der action 365 und dem Genossenschaftsdachverband fedecocagua ihren 35. Geburtstag. Die Gründergeneration beider Initiativen kann mit Stolz auf das Erreichte zurückblicken, das "Mittelalter“ sieht sich täglich neuen Herausforderungen im politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bereich gegenüber – und die Jugend? Beim Besuch einer Vater-Sohn-Delegation in Frankfurt erhielt man einen Eindruck vom Selbstbewusstsein der dritten Generation.

Weitere Informationen, zum Beispiel zu unserem Gütesiegel sowie zu allen Kaffeesorten finden Sie auf den Shopseiten zum Kaffee.

Weitere Hintergründe sowie Aktuelles zur fedecocagua und den Lebensumständen der Indígena erfahren Sie in unserer Zeitschrift indígena info, die mehrmals im Jahr erscheint.

Zum 40-jährigen Jubiläum der Partnerschaft und Freundschaft herausgegebene Broschüre schildert und bebildert die Partnerschaft für gerechten Kaffeehandel anschaulich und umfassend.

Der Film „Die Rache der Korrupten“ von Ruedi Leuthold (Lindenfilm) gibt den Menschen im Land eine Stimme. Aber sehen Sie am besten selbst.