In diesem von der Pandemie geprägten Jahr kommen nun durch die weiteren Einschränkungen, was das Rausgehen angeht, auch Fragen auf, ob und wann Gottesdienste zu Weihnachten stattfinden können. Vielleicht ist ja für den einen oder die andere ein kurzes Innehalten eine Alternative.
In der Heiligen Nacht 1944 hat Alfred Delp SJ, der an Lichtmess 1945 von den Nazis hingerichtet wurde, im Gefängnis mit gefesselten Händen diese zutiefst von Hoffnung und Zuversicht geprägten Gedanken zu Papier gebracht:
"Und hier sind wir auf der Höhe angekommen, auf der das respirare, das Aufatmen nun doch geschieht und geschehen darf und geschehen soll. Die Welt ist in ihrem Lauf geblieben, aber sie ist zur Barke des Herrgotts geworden, die kein Sturm umwerfen, keine Flut hinabreißen wird. Das Leben ist in seinen Gesetzen und Spannungen geblieben. Der Herrgott hat sich diesen Spannungen untergeordnet und eingeordnet. Er trägt sie mit und erhöht das Kraft- und Tüchtigkeitspotential der ganzen Menschheit.
Als letztes aber: der Mensch ist nicht mehr allein. Der Monolog war nie die gesunde und glückhafte Lebensform des Menschen. Der Mensch lebt nur echt und gesund im Dialog. Alle diese Mono-Tendenzen sind vom Übel. Aber daß das Bestehende der Spannungen des Daseins und der Lasten Gottes den Menschen nun in den Dialog mit Gott beruft, das überwindet die schrecklichste menschliche Krankheit: die Einsamkeit, endgültig und wirklich. Es gibt nun keine Nächte mehr ohne Licht, keine Gefängniszellen ohne echtes Gespräch, keine einsamen Bergpfade und gefährlichen Schluchtwege ohne Begleitung und Führung. Gott ist mit uns: so war es verheißen, so haben wir geweint und gefleht. Und so ist es seinsmäßig und lebensmäßig wirklich geworden: ganz anders, viel erfüllter und zugleich viel einfacher als wir meinten.
Den Lasten Gottes soll man nicht ausweichen. Sie sind zugleich der Weg in den Segen Gottes. Und wer dem herben und harten Leben die Treue hält, dem werden die inneren Brunnen der Wirklichkeit entsiegelt und ihm ist die Welt in ganz anderem Sinn nicht stumm, als er ahnen konnte. Die Silberfäden des Gottesgeheimnisses alles Wirklichen fangen an zu glänzen und zu singen. Die Last ist gesegnet, weil sie als Last Gottes anerkannt und getragen wurde. Gott wird Mensch. Der Mensch nicht Gott. Die Menschenordnung bleibt und bleibt verpflichtend. Aber sie ist geweiht. Und der Mensch ist mehr und mächtiger geworden. Laßt uns dem Leben trauen, weil diese Nacht das Licht bringen mußte. Laßt uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt." 1
In diesem Sinne wünschen wir uns allen Geduld, die vielleicht einsamen Stunden in der Hoffnung auf andere Zeiten aushalten zu können, das Bewusstsein, welche Veränderung mit der Menschwerdung Gottes in die Welt getreten ist, und die Zuversicht, dass sich alles zum Guten wandeln wird.
Eine gesegnete Weihnacht, ruhige Tage, Gesundheit und alles Gute für das kommende Jahr!
1 Alfred Delp: Vigil von Weihnachten, in: GS, hrsg. von Roman Bleistein, Bd. 4 – Aus dem Gefängnis, Frankfurt am Main 1984, S. 195.