Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen
Immer wieder kommt derzeit in öffentlichen Reden das sogenannte „Recht des Stärkeren“ zur Sprache. Damit wird ein antikes, philosophisches Denkmuster beschrieben, das sich für ein gutes und friedliches Zusammenleben von Menschen eigentlich längst als überholt und untauglich erwiesen hat. Offensichtlich ist es aber immer noch nicht überwunden. Der Blick in unsere Zeit und Gesellschaft zeigt, dass dieses Denken aktuell auffällig oft zur Geltung gebracht wird.
Vor allem in der Politik gewinnen Mächte, die das „Recht des Stärkeren“ propagieren, immer mehr Einfluss, selbst in bisher demokratisch geführten Ländern. Je unsicherer und gefährdeter das Leben wird, umso lauter wird der Ruf nach einer starken Hand. Menschen erwarten dann tatkräftige Veränderungen. Diese kann nur herbeiführen, wer Macht hat. Macht zeigt sich durch Stärke, manchmal auch durch Gewalt. Wer stark ist, kann sich gegen andere durchsetzen. Wer sich durchsetzt, kann bestimmen, was gilt. Wer bestimmt, kann auch über das Recht entscheiden. Damit ist das Recht auf der Seite der Mächtigen und Starken. Manchmal wird es so gesehen, in der Politik, in der Gesellschaft und auch in privaten Lebensbereichen.
Ein anderer Hinweis auf die zunehmende Vorherrschaft vom „Recht des Stärkeren“ ist die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Sie entsteht, weil Menschen in der Wirtschafts- und Finanzwelt sich ebenfalls nach diesem Grundsatz ausrichten. Es geht dabei um die Gewinnmaximierung. Wer schon hat, kann durch seine Stärke auf dem Markt noch mehr dazu gewinnen. Wer wenig hat, bleibt dagegen oft chancenlos. Der wirtschaftlich Starke wird stärker, der Schwache muss dagegen immer mehr darum kämpfen, auch das wenige, das er noch hat, nicht zu verlieren.
Werden wir alle eigentlich nicht schon von Kindheit an vielfach sogar dazu ermuntert, möglichst stark zu sein? Wer ein gutes Leben führen will, muss es zu etwas bringen. Wer es zu etwas bringen will, muss sich durchsetzen können. Durchsetzen kann sich aber nur, wer stark genug ist. Selbstoptimierungskurse und Personalcoaching haben oft das Ziel, das Beste und Stärkste aus sich herauszuholen.
Eine Gesellschaft, in der das „Recht des Stärkeren“ regiert, spaltet sich in Starke und Schwache, Mächtige und Machtlose, Gewinner und Verlierer, Arme und Reiche, schließlich Gute und Böse. Die meisten Menschen haben in einer solchen Welt kaum eine Chance auf ein erfülltes und menschenwürdiges Leben. Zwar hat man längst erkannt, dass in der Evolution nicht die Stärksten und mächtigsten Lebewesen überlebt und sich weiterentwickelt haben, sondern die Lernfähigsten. Dennoch wird in vielen Lebensbereichen das Starke dem Schwachen vorgezogen. Das Leben und die Menschen sind aber nicht nur stark oder schwach. Leben lässt sich nicht auf diese Kategorien reduzieren. Das Leben ist vielfältig und existiert in unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Es entstammt außerdem einer ganz eigenen Macht, die aber ganz anders ist als die Mächte der Welt und der Menschen.
Von dieser anderen Macht erzählt uns die Bibel. Fast jede Geschichte darin handelt von ihr. Sie war schon vor der Erschaffung der Welt und des Menschen. Sie ist der Anfang allen Lebens, der Urgrund allen Seins. Sie ist die Macht, durch die alles Leben ins Leben gerufen wurde. Ohne sie gäbe es nichts. Es ist die Macht der Liebe Gottes.
Es ist die Macht der Liebe Gottes, das unwiderrufliche „Ja“ Gottes zu seiner Schöpfung. Allem, was sie geschaffen hat, egal ob stark oder schwach, ist durch sie ein uneingeschränktes Lebensrecht garantiert.
Welch eine befreiende Botschaft. Die Welt und das Leben der Menschen sind nicht alleine von den Mächten dieser Welt abhängig. Sie sind den Mächten dieser Welt auch nicht erbarmungslos ausgeliefert. Das Leben muss nicht sein und bleiben, wie es ist, und wie Menschen es sich in ihrer Gier nach Macht und Stärke ausdenken. Die Macht der Liebe Gottes ordnet die Welt mit anderen Grundlagen und Maßstäben, als die Menschen es tun. Sie eröffnet dem Leben und uns Menschen eine ganz eigene Perspektive, weit über alles hinaus, was die Welt und menschliches Tun überhaupt bieten können. Die Botschaft der Bibel von der Macht der Liebe Gottes weckt im Menschen zugleich die Fähigkeit zu einer Hoffnung auf ein Leben der Fülle und des umfassenden Heils, für alle Menschen und Lebewesen, unabhängig von deren Stärke oder Schwäche.
Mit der Macht seiner Liebe beginnt Gott die Geschichte mit den Menschen. In der Hoffnung auf sie konnte Mose das Volk Israel aus der Unterdrückung der Ägypter befreien. Mit ihr hat Mose das Volk auf dem Weg durch die Wüste geleitet, und ihm immer wieder Sicherheit und Halt gegeben. Die Botschaft der Bibel von der Macht der Liebe Gottes ist auch die Botschaft der Propheten, die über Jahrhunderte hinweg dem Volk und den Menschen in den Bedrängnissen ihres Lebens Zuversicht und Trost spendete.
„Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Diese Botschaft hat vor über Zweitausend Jahren bei der Ankündigung der Geburt Jesu von Nazareth eine neue Zeitenwende eingeläutet. Mit Jesus von Nazareth hat die Liebe Gottes in einem Menschen, sichtbar und greifbar, Gestalt angenommen. Er hat mit seinem Leben gezeigt, was die Liebe Gottes im konkreten Leben des Menschen bewirkt. Sie heilt, was verwundet ist. Sie führt Arme in das Reich Gottes, zum Leben der Fülle. Trauernde werden durch sie getröstet. Diejenigen, denen Unrecht und Gewalt angetan wird, erfahren durch sie Gerechtigkeit. Ausgestoßene und Entwürdigte finden mit ihr zu einem Leben der Anerkennung. Tote werden zu neuem Leben erweckt. Mit Jesus, dem größten Liebenden der Menschheit wird die Macht der Liebe Gottes für jeden Menschen erfahrbar.
Die Macht der Liebe Gottes kann alles grundlegend verändern. Der Glaube an sie entkräftet die Macht der Mächtigen, lässt Starke schwach werden und stärkt Schwache.
Die Zukunft gehört nicht den Mächtigen und nicht denen, die ihre egoistischen Interessen mit Gewalt durchsetzen. Die Zukunft gehört vielmehr denen, die der Macht der Liebe Gottes trauen, den Sanftmütigen, den Barmherzigen, denen, die Gräben überwinden und wahren Frieden stiften.
„Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Das ist eine Botschaft der Hoffnung. Unverzichtbar, gerade in einer Zeit, in der die Menschen auf der Suche nach Sicherheit und Halt den Mächten der Welt, die man greifen und festhalten kann, mehr Vertrauen schenken wollen, als einem Gott der Liebe, den man nicht sehen und greifen kann.
Irdische Macht ist vergänglich und beliebig. Ihr geht es jedoch nur um sich selbst und sie ist endlich. Ihre Grenzen sind dort, wo die Macht der Liebe Gottes beginnt. Gott geht es um den Menschen, um jede und jeden Einzelnen von uns. Wer an ihn glaubt und seiner Liebe vertraut, hat mehr Macht und Stärke, als die Welt ihm jemals geben kann.
(Foto von Davide Cantelli auf Unsplash)
Stephan Neufanger