In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln
„Was sollen wir tun?“, fragen die Leute Johannes den Täufer, nachdem dieser ihnen eine Bußpredigt über ihr fruchtloses Leben gehalten hat (vgl. Lk 3,10 f). Was sollen wir tun? Die Notwendigkeit, etwas tun zu müssen, ist immer gegeben. Der offensichtlich spürbare Klimawandel fordert uns heraus: da müssen wir was tun. Kriege, Gewalt, Ungerechtigkeiten überall auf der Welt schreien danach: da müssen wir was tun. Die Diagnose des Arztes schreckt auf: da musst du was tun. Aber was sollen wir tun? Was können wir tun?
Etwas tun, sich für Veränderungen einsetzen und handeln braucht eine gute Motivation.
Was aber kann ich als Einzelner angesichts von Weltproblemen schon tun?
Je näher und unmittelbarer uns ein Ziel ist, umso leichter fällt es tätig zu werden, denn umso unmittelbarer ist erkennbar, ob das Handeln tatsächlich auch etwas bewirkt. Je entfernter ein Ziel von unserem eigenen Leben liegt, umso schwieriger wird dies.
In der materialistisch ausgerichteten Welt sind wir Menschen ständig in Versuchung, den Sinn des Lebens in materiellen Dingen und Erlebnissen zu suchen. Menschen streben nach schnellem Glück, Leben im Jetzt und nicht irgendwann, bevor es vielleicht zu spät ist. Sie wollen sich nichts entgehen lassen, leben von Aktion zu Aktion und verlieren sich oft in der Welt.
Im Evangelium nach Lukas (Kap. 15,11-32) finden wir die Geschichte vom verlorenen Sohn. „Schnelles Glück“ ist wohl auch seine Motivation, von seinem Vater seinen Erbteil zu verlangen. Der Vater gibt ihm, was ihm zusteht und lässt ihn ziehen. Doch eines Tages ist das ganze Vermögen aufgebraucht, und das ausschweifende Leben des Sohnes endet bei den Schweinen. Schmerzlich muss der Sohn erfahren, dass er seine Hoffnung in vergängliche Dinge und Erlebnisse gesetzt und sich hat täuschen lassen vom Glanz der Welt. Er hat geglaubt, dass es im Leben darum geht, möglichst viel zu erleben, koste es, was es wolle.
Schließlich erkennt er seinen Irrweg und kehrt zurück zu seinem Vater. Er hofft, wenigstens als Tagelöhner bei ihm weiterleben zu können. Seine Motivation zu diesem Schritt ist wohl der tiefe Abgrund, in den er geraten ist, die aussichtslose Situation, die sich von selbst nicht einfach verändert. Auch wenn seine Hoffnung, beim Vater eine neue Zukunft zu finden, gering ist, hat sie immerhin genug Potenzial, dass der Sohn die Kraft und den Mut aufbringt, zum Vater zurückzukehren.
Manchmal verwenden Menschen sehr viel Energie für vergängliches Glück und vergängliche Erfolge. Sie setzen alles daran zu erreichen, was sie erreichen wollen, opfern Zeit und Nerven und manchmal auch Freundschaften und sie tun alles für ihre Karriere. Und sie verlieren oft den Blick für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Unternehmerin. Sie erzählte mir voller Verzweiflung, dass ihre jugendliche Tochter sie verlassen und den Kontakt zur Familie völlig abgebrochen hat. Die Tochter fühlte sich offensichtlich in ihrer Familie nicht angenommen, weil niemand Zeit für sie hatte und das Geschäft immer Vorrang vor der Familie hatte. Im Verlauf des Gespräches erkannte die Mutter, wie sehr ihr Unternehmen und ihre eigene Karriere immer zwischen ihr und ihrer Tochter gestanden hat. Tief verzweifelt sagte sie: „Ich würde gerne alles dafür geben, wenn ich nur meine Tochter wieder zurückgewinnen könnte.“
Eine Hoffnung, die wohl mit keinem Vermögen der Welt erfüllt werden kann.
Die wirklich wichtigen und bleibende Werte des Lebens lassen sich nicht erkaufen.
Sie lassen sich nur erhoffen.
Hoffnung ist eine Seelenkraft. Sie ist Kraft eines Geistes, der nicht aus der vergänglichen Welt stammt. Deshalb folgt sie nicht den Mächten der irdisch vergänglichen Welt, sondern geistigen Gesetzen. Sie kann Kräfte freisetzen, die die Welt und ihre Grenzen überwinden. Hoffnung lässt Menschen in vordergründig sinnlosen Situationen Sinn finden, für den weiterzuleben es sich lohnt.
Wer Hoffnung hat, ist fähig, zur Welt und dem Erleben in ihr auf Distanz zu gehen. Menschen, die aus der Hoffnung leben, sind stärker als ihr Schicksal. Sie haben die Kraft, ihr Schicksal zu gestalten, und – wo das nicht mehr möglich ist – zumindest eine Einstellung zu finden, mit der es für sie ertragbar ist. Wer aus der Hoffnung lebt, ist den Grenzen, die seine Lebenswelt ihm setzt, nicht hilflos ausgeliefert.
Menschen, die aus der Hoffnung leben, können über sich hinauswachsen und Kräfte entwickeln, die über alles vorstellbare hinausgehen. Menschen, die aus der Hoffnung leben, können fähig sein, ihre körperlichen und psychischen Schwächen zu überwinden.
Hoffnung lässt Menschen mutig sein, trotz aller Einschüchterungen und Bedrohungen für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde einzutreten. Hoffnung lässt Menschen Zuversicht in ihrem Tun finden – auch wenn ein Vorhaben nach menschlichem Ermessen aussichtslos erscheint. Hoffnung befähigt zum Handeln, auch dann noch, wenn alles bisherige Tun vergeblich war. Sie ermöglicht Leben schließlich auch noch dort, wo dies nach menschlichem Ermessen nicht mehr möglich scheint.
Was sollen wir tun? Was können wir tun? Was motiviert uns letztlich wirklich zum Handeln und Leben zu verändern? Ist es nicht die Hoffnung, die Kraft aus unserem Innersten, die uns antreibt, dem Leben immer wieder neu zu trauen, und an die Zukunft von Leben zu glauben, gerade auch dann und dort, wo alles aussichtslos scheint?
Wer die Hoffnung einmal in sich entdeckt und gefunden hat, der kennt die Sehnsucht nach dem Leben der Ewigkeit. Diese Sehnsucht ist der Grund aller Hoffnung. Aus der Hoffnung kommt die Kraft, die uns fähig und stark genug macht, alles dafür zu geben und zu tun, was dem Menschen und seiner Sehnsucht nach dem wahren Leben der Fülle wirklich dient.
(Foto von Çiğdem İŞERİ auf pexels)
Stephan Neufanger