Jahresthema 2023

Das Jahresthema der action 365 „In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln“ ermutigt dazu, auch in unsicheren Zeiten den Blick nach vorn zu richten. Angesichts von Krieg, Klimawandel und gesellschaftlichen Herausforderungen kann Hoffnung die Kraft geben, Ängste zu überwinden und selbst aktiv zu werden. Sie wächst im Kleinen: durch Mitgefühl, Unterstützung und einen offenen, respektvollen Umgang miteinander. Denn auch kleine Schritte können etwas bewegen und zu einer besseren Zukunft beitragen.

 

In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln

In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln

„Was sollen wir tun?“, fragen die Leute Johannes den Täufer, nachdem dieser ihnen eine Bußpredigt über ihr fruchtloses Leben gehalten hat (vgl. Lk 3,10 f). Was sollen wir tun? Die Notwendigkeit, etwas tun zu müssen, ist immer gegeben. Der offensichtlich spürbare Klimawandel fordert uns heraus: da müssen wir was tun. Kriege, Gewalt, Ungerechtigkeiten überall auf der Welt schreien danach: da müssen wir was tun. Die Diagnose des Arztes schreckt auf: da musst du was tun. Aber was sollen wir tun? Was können wir tun?

Etwas tun, sich für Veränderungen einsetzen und handeln braucht eine gute Motivation.

Was aber kann ich als Einzelner angesichts von Weltproblemen schon tun?

Je näher und unmittelbarer uns ein Ziel ist, umso leichter fällt es tätig zu werden, denn umso unmittelbarer ist erkennbar, ob das Handeln tatsächlich auch etwas bewirkt. Je entfernter ein Ziel von unserem eigenen Leben liegt, umso schwieriger wird dies.

In der materialistisch ausgerichteten Welt sind wir Menschen ständig in Versuchung, den Sinn des Lebens in materiellen Dingen und Erlebnissen zu suchen. Menschen streben nach schnellem Glück, Leben im Jetzt und nicht irgendwann, bevor es vielleicht zu spät ist. Sie wollen sich nichts entgehen lassen, leben von Aktion zu Aktion und verlieren sich oft in der Welt.

Im Evangelium nach Lukas (Kap. 15,11-32) finden wir die Geschichte vom verlorenen Sohn. „Schnelles Glück“ ist wohl auch seine Motivation, von seinem Vater seinen Erbteil zu verlangen. Der Vater gibt ihm, was ihm zusteht und lässt ihn ziehen. Doch eines Tages ist das ganze Vermögen aufgebraucht, und das ausschweifende Leben des Sohnes endet bei den Schweinen. Schmerzlich muss der Sohn erfahren, dass er seine Hoffnung in vergängliche Dinge und Erlebnisse gesetzt und sich hat täuschen lassen vom Glanz der Welt. Er hat geglaubt, dass es im Leben darum geht, möglichst viel zu erleben, koste es, was es wolle.

Schließlich erkennt er seinen Irrweg und kehrt zurück zu seinem Vater. Er hofft, wenigstens als Tagelöhner bei ihm weiterleben zu können. Seine Motivation zu diesem Schritt ist wohl der tiefe Abgrund, in den er geraten ist, die aussichtslose Situation, die sich von selbst nicht einfach verändert. Auch wenn seine Hoffnung, beim Vater eine neue Zukunft zu finden, gering ist, hat sie immerhin genug Potenzial, dass der Sohn die Kraft und den Mut aufbringt, zum Vater zurückzukehren.

Manchmal verwenden Menschen sehr viel Energie für vergängliches Glück und vergängliche Erfolge. Sie setzen alles daran zu erreichen, was sie erreichen wollen, opfern Zeit und Nerven und manchmal auch Freundschaften und sie tun alles für ihre Karriere. Und sie verlieren oft den Blick für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Unternehmerin. Sie erzählte mir voller Verzweiflung, dass ihre jugendliche Tochter sie verlassen und den Kontakt zur Familie völlig abgebrochen hat. Die Tochter fühlte sich offensichtlich in ihrer Familie nicht angenommen, weil niemand Zeit für sie hatte und das Geschäft immer Vorrang vor der Familie hatte. Im Verlauf des Gespräches erkannte die Mutter, wie sehr ihr Unternehmen und ihre eigene Karriere immer zwischen ihr und ihrer Tochter gestanden hat. Tief verzweifelt sagte sie: „Ich würde gerne alles dafür geben, wenn ich nur meine Tochter wieder zurückgewinnen könnte.“

Eine Hoffnung, die wohl mit keinem Vermögen der Welt erfüllt werden kann.

Die wirklich wichtigen und bleibende Werte des Lebens lassen sich nicht erkaufen.

Sie lassen sich nur erhoffen.

Hoffnung ist eine Seelenkraft. Sie ist Kraft eines Geistes, der nicht aus der vergänglichen Welt stammt. Deshalb folgt sie nicht den Mächten der irdisch vergänglichen Welt, sondern geistigen Gesetzen. Sie kann Kräfte freisetzen, die die Welt und ihre Grenzen überwinden. Hoffnung lässt Menschen in vordergründig sinnlosen Situationen Sinn finden, für den weiterzuleben es sich lohnt.

Wer Hoffnung hat, ist fähig, zur Welt und dem Erleben in ihr auf Distanz zu gehen. Menschen, die aus der Hoffnung leben, sind stärker als ihr Schicksal. Sie haben die Kraft, ihr Schicksal zu gestalten, und – wo das nicht mehr möglich ist – zumindest eine Einstellung zu finden, mit der es für sie ertragbar ist. Wer aus der Hoffnung lebt, ist den Grenzen, die seine Lebenswelt ihm setzt, nicht hilflos ausgeliefert.

Menschen, die aus der Hoffnung leben, können über sich hinauswachsen und Kräfte entwickeln, die über alles vorstellbare hinausgehen. Menschen, die aus der Hoffnung leben, können fähig sein, ihre körperlichen und psychischen Schwächen zu überwinden.

Hoffnung lässt Menschen mutig sein, trotz aller Einschüchterungen und Bedrohungen für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde einzutreten. Hoffnung lässt Menschen Zuversicht in ihrem Tun finden – auch wenn ein Vorhaben nach menschlichem Ermessen aussichtslos erscheint. Hoffnung befähigt zum Handeln, auch dann noch, wenn alles bisherige Tun vergeblich war. Sie ermöglicht Leben schließlich auch noch dort, wo dies nach menschlichem Ermessen nicht mehr möglich scheint.

Was sollen wir tun? Was können wir tun? Was motiviert uns letztlich wirklich zum Handeln und Leben zu verändern? Ist es nicht die Hoffnung, die Kraft aus unserem Innersten, die uns antreibt, dem Leben immer wieder neu zu trauen, und an die Zukunft von Leben zu glauben, gerade auch dann und dort, wo alles aussichtslos scheint?

Wer die Hoffnung einmal in sich entdeckt und gefunden hat, der kennt die Sehnsucht nach dem Leben der Ewigkeit. Diese Sehnsucht ist der Grund aller Hoffnung. Aus der Hoffnung kommt die Kraft, die uns fähig und stark genug macht, alles dafür zu geben und zu tun, was dem Menschen und seiner Sehnsucht nach dem wahren Leben der Fülle wirklich dient.

(Foto von Çiğdem İŞERİ auf pexels)

Stephan Neufanger

 

In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln

In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln

Die letzten drei Jahre haben die Welt zu einer unsichereren werden lassen: nach der schweren Gesundheitskrise mit dem neuen Virus, das urplötzlich in unser Leben einbrach und alles veränderte, was vertraut und bekannt schien, stürzte der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine die Welt in eine tiefe Krise, ja, Katastrophe. Was jahrzehntelang als sicher galt, der Frieden mit Russland, war mit einem Schlag Geschichte. Die Zeitenwende, die von der Politik ausgerufen wurde, sie brach über uns herein als unvorhergesehenes, nicht für möglich gehaltenes Ereignis.

In diesen Zeiten sind manche versucht, nach Aufgabe des ukrainischen Widerstands zu rufen, nur um möglichst schnell den Zustand vor dem Angriffskrieg wieder zu haben. Doch die Welt wird nie wieder so sein wie zuvor, egal wie die Lage in der Ukraine sich wenden wird. Es bleibt nur die Hoffnung auf bessere Zeiten. Das Jahresthema der action 365 passt in diese Zeiten: (Öffnet in einem neuen Tab) „In der Hoffnung steckt die Kraft zum Handeln“. Das aktuelle Poster (Gestaltung: Florentine Heimbucher) zeigt einen Kreis, von dem die Farbe der Hoffnung Grün in die Umgebung ausstrahlt: Hoffnung kennt keine Grenzen, Hoffnung sollte im guten Sinn ansteckend sein.

Die Menschen in der Ukraine haben Hoffnung, sie haben die Hoffnung, dass ihr Kampf um die Freiheit sich lohnen wird. Diese Hoffnung gibt ihnen die Kraft, wie David gegen Goliath für die demokratische Grundordnung einzutreten. Sie verteidigen nicht nur ihr Land, sondern ganz Europa, Länder wie Deutschland, in dem viele Bürger und Bürgerinnen das Leben in Freiheit als selbstverständlich erachten. Erstarrt in der Bequemlichkeit, dem Wunsch, dass alles so bleiben sollte wie bisher, fehlt der Wille, nach vorn zu schauen. Angst lähmt, Hoffnung dagegen weckt den Willen, selbst etwas zu tun, etwas beizutragen. Die Angst um Stabilität und Frieden in Europa ist berechtigt, doch sie sollte dazu führen, die Kontrolle wiederzuerlangen. Denn das unterscheidet uns Menschen von der Tierwelt: uns ist die Fähigkeit gegeben, bei Gefahr den Fluchtinstinkt zu überwinden, rational nüchtern die Sachlage zu betrachten und daraus dann Schlüsse fürs weitere Handeln zu ziehen. Diese Fähigkeit lässt sich auf alle Bereiche des menschlichen Lebens übertragen: sei es in mitfühlender Anteilnahme und Unterstützung von Menschen in jeglichen Notlagen, sei es im Kampf gegen den Klimawandel, der im Kleinen bei jedem Einzelnen beginnt, oder aber auch im Hinschauen und Handeln bei Kindesmissbrauch und Misshandlungen von Minderheiten.

Es mag Situationen geben, die hoffnungslos scheinen. Doch warum sich in diesen verlieren? Dann ist schon alles verloren. Stattdessen hilft es, tätig zu werden, etwas zu tun, und sei es noch so wenig. Denn Hoffnung wächst im Kleinen. „Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht“, sagte Vaclav Havel einst. Fangen wir also klein an, in unserer jeweiligen Lebenswirklichkeit. Das menschliche Miteinander in Diskussionen und Demonstrationen zu den Herausforderungen unserer Zeit hat durch ungehemmte Wutwellen in den sozialen Medien Schaden genommen: es ist ein Trend geworden, andere Meinungen und Haltungen niederzuschreien und lächerlich zu machen. Den eigenen Horizont öffnen, Gegenmeinungen anhören, zur Kenntnis nehmen und sachlich argumentieren, so fängt der Frieden schon bei jedem einzelnen an. Ein Projekt, das sich weitet und zündet. Mit Hoffnung im Herzen lebt es sich einfach besser.

Ulrike Maria Haak