Jahresthema 2024

Das Jahresmotto 2024 der action 365 lautet: „Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir“ (Psalm 23,4). Es widmet sich der Suche nach Vertrauen, Halt und Zuversicht in schwierigen Zeiten, angesichts von Krieg und Leid in der Welt. Die Tagebücher der Jüdin Etty Hillesum zeigen, wie der Glaube an Gott und die Verbundenheit mit anderen Menschen Trost und Kraft schenken können. Das Motto erinnert daran, auch in schweren Zeiten das Vertrauen auf das Gute in der Welt nicht zu verlieren und darauf zu vertrauen, nicht allein zu sein.

 

Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir

Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir

Eine der größten Ängste des Menschen ist die Angst vor dem allein gelassen werden. Die biblische Schöpfungserzählung greift dieses Thema bereits auf. Im Buch Genesis lässt der Erzähler Gott sagen: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ (Gen 1,26) So erschuf Gott den Menschen „als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ (Gen 1,27) Und der zweite Schöpfungsbericht lässt Gott sagen: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist… ich will ihm eine Hilfe machen“. (Gen 2,18)

Menschsein wird offensichtlich immer schon so erlebt und erfahren, dass der Mensch allein nicht wirklich existieren kann. Allein gelassen zu sein betrifft den Menschen existentiell. Die Angst davor, allein gelassen zu sein, ist also eine existentielle Angst. Der Mensch erlebt sich dann in tiefster Not. Deshalb unternimmt er unterschiedlichste Anstrengungen, nicht allein gelassen zu werden. Ein Säugling, der merkt, dass er allein gelassen wird, beginnt zu schreien. Ein Kind, das sich verletzt, sucht nach jemandem, der es tröstet und beruhigt. Zeit seines Lebens versucht der Mensch, den Anschluss an andere nicht zu verlieren. In der Regel gelingt ihm das durch Kindergarten, Schule, Studium, Arbeitsstelle, Freundeskreise, Gründung einer Familie oder andere Beziehungen. Im Seniorenalter mündet das Alleinsein oft in traurige Einsamkeit. Viele Senioren sehnen sich regelrecht nach einem Gespräch mit anderen.

„Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir“ - wirkt ein solcher Satz bei Menschen, die sich wirklich allein gelassen erleben oder tiefste Einsamkeit empfinden, nicht wie ein billiger Trost? Wird da nicht eine Welt imaginiert, die fern der Realität kaum etwas mit meinem Erleben zu tun hat?

Und wie ist es denn, wenn ich bei wichtigen Entscheidungen, die ich treffen muss, niemand habe, den ich um Rat fragen könnte? Wenn ich erkenne, dass ich die Verantwortung, die ich für mein Tun übernehmen muss, tatsächlich auch nur allein für mich übernehmen und mit niemand anderem teilen kann?

Was hilft mir in größter Not, als Mutter oder Vater, wenn ich vor Armut nicht in der Lage bin, für meine Kinder zu sorgen, wenn mir jemand sagt: du bist nicht allein, mich aber von meiner materiellen Not nicht befreien kann? Und wie wirken wohl die Worte „vertrau nur, du bist nicht allein, da ist jemand da für dich“ auf jemanden, der einen geliebten Menschen plötzlich verliert, mit dem er den größten Teil seines Lebens geteilt hat, und auf den er sich immer verlassen konnte? Und er fragt sich, warum nimmt mir Gott, was mir so sehr ans Herz gewachsen ist?

Die existentielle Erfahrung des Alleinseins ist eine besondere Herausforderung unseres Lebens, die jeder Mensch für sich bewältigen muss. Diese Aufgabe ist uns bereits bei der Geburt gestellt. Wir werden allein - jede und jeder für sich - geboren. Natürlich sind wir dabei in der Regel nicht ganz allein. Da ist unsere Mutter, aus der wir geboren werden, und andere Menschen in unserem Umfeld. Vielleicht werden wir in eine bestehende Familie hineingeboren, in der schon mehrere Geschwister sind. Aber den Geburtsvorgang, muss jedes Kind allein bewältigen. Ebenso wird es bei unserem Sterben sein. Wir wünschen uns zwar, dass wir auch hier nicht allein sind, und werden dies hoffentlich auch nicht sein. Aber den letzten Atemzug macht jeder Mensch allein für sich. Den Durchgang in diese Welt hinein bei der Geburt und den Durchgang aus dieser Welt hinaus beim Sterben, den muss jede und jeder für sich allein beschreiten und bewältigen. Man kann sagen: wir werden allein geboren und wir werden allein sterben müssen und was dazwischen in unserem Leben geschieht, ist uns als geteiltes Leben geschenkt. Deshalb ist es wichtig, dass wir im Laufe unseres Lebens lernen, mit dem Alleinsein zu leben. Es geht darum, sich selbst wahrzunehmen und zu erfahren, wie man ist, auch mit den eigenen Grenzen und Schwächen, die sich im Alleinsein oft anders zeigen als im Kontext mit anderen. Im Alleinsein ist man, wie sonst nie, auf sich selbst zurückgeworfen. Manche Menschen gehen dafür regelmäßig in Exerzitien, suchen bestimmte Orte der Stille auf, an denen sie allein für sich sein können. Von Jesus erzählt uns das Evangelium, dass er 40 Tage in die Wüste ging. Dort wurde auch er an die existentiellen Grenzen des Menschseins geführt. Diese Grenzen zeigten sich ihm schließlich als die für das Böse in der Welt ursächlichen Versuchungen: grenzenloses Leben, das erlaubt alles zu dürfen, weil man es kann; Herrschsucht und Gier nach Macht; schließlich Anmaßung, Arroganz und Überheblichkeit.

Wer oder was hält mein Leben wirklich? An den Grenzen der eigenen Existenz wird diese Frage für uns Menschen entscheidend. Denn diese Grenzen führen uns zum Geheimnis einer Macht, die anders ist als alle irdischen Mächte: die Macht einer bedingungslosen Liebe, aus der alles Leben hervorgeht und die allem Leben das Leben gibt, die Macht die wir Gott nennen. Sie ist der Urgrund allen Lebens. Mit ihm steht und fällt alles Leben. Dieser Urgrund liegt außerhalb der vergänglichen Welt. Deshalb kann ihn keine Macht der vergänglichen Welt wirklich erschüttern. Auf ihn können wir uns immer stellen, selbst dann, wenn unser eigenes Leben ins Wanken gerät und existentiell erschüttert wird. Auch wenn Gott außerhalb des Vergänglichen gründet, können wir diesen Urgrund des Lebens in unserem Innersten spüren und wahrnehmen, in unserem innersten Bewusstsein, in unserem Herzen. Hier finden wir zur Gewissheit, vom Anfang unseres Daseins bis ans Ende und darüber hinaus, geborgen und sicher zu sein, was immer auch geschieht. Das innerste Bewusstsein um diese Geborgenheit drängt uns, unser Leben mit anderen Menschen zu teilen und alles dafür zu tun, dass andere auch aus diesem Bewusstsein leben können und nicht an ihren existentiellen Nöten zu Grunde gehen.

Zugleich wird durch unser Wirken in der Welt, im Kampf gegen das Böse, im Einsatz füreinander, im Teilen von Leid und Freude, im Dasein für andere, das Geheimnis der Liebe Gottes ganz konkret sichtbar und erfahrbar. Nur so lässt sich schließlich verstehen, was durch das Jahresmotto der action 365 mit dem Psalmspruch zum Ausdruck kommt: „Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“ (Psalm 23,4)

(Foto von Alamin Hossain auf pexels)

Stephan Neufanger

 

Im Vertrauen auf höhere Mächte

Im Vertrauen auf höhere Mächte

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wütet im dritten Jahr. Unbarmherzig geht der Aggressor vor, ohne Rücksicht auf zivile Opfer. Dann im Herbst letzten Jahres der barbarische Terroranschlag der Hamas, er traf junge, feiernde Menschen in Israel. Unzählige sind tot, viele traumatisiert nach der langen Leidenszeit in der Hand der Terroristen. Und wieder ein Krieg. Unvorstellbar das Leid der Familien, die Angehörige verloren haben oder sie noch immer vermissen, auf allen Seiten. Wie lassen sich solch extreme Krisensituationen ertragen? Wie kann man weiterleben, im Angesicht des Schreckens?

Trost ist im Zusammenhalt mit Familie, Freundinnen und Freunden zu finden, und auch in der Religion, die dem Leben einen höheren Sinn verleihen kann, weil man sich als Teil eines Ganzen verstehen kann und dadurch dem Grauen nicht allein ausgeliefert ist. Das Jahresthema der action 365 widmet sich dieser Suche nach Vertrauen: (Öffnet in einem neuen Tab)„Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir“ (Psalm 23,4). Das aktuelle Poster (Gestaltung: Cornelia Steinfeld) greift das Thema des Jahres 2024 auf und stellt Zitate aus den Tagebüchern, welche die holländische Jüdin Etty Hillesum zwischen 1942 und 1943 führte, daneben: „Das Stück Geschichte, das wir jetzt erleben, kann ich sehr gut ertragen, ohne darunter zusammenzubrechen“. Ein erstaunlicher Satz einer starken jungen Frau, die die deutsche Besatzung in ihrem Land und den einhergehenden Terror mutig erträgt. Sie konzentriert sich auf ihr Inneres, dort will sie Gott finden, Trost, ja, sich selbst. Doch es ist ein inneres Ringen, verbildlicht in den zwei Halbkreisen, die an eine waagerechte Achse angelegt sind und Farbstufen zwischen Rot und Weiß annehmen. Sind es Augen, die in den Abgrund oder in die Zukunft mit Gott blicken? Oder eine aufgehende und eine untergehende Sonne?

In den Zeilen von Etty Hillesum gibt es Zuversicht, aber auch Momente der Verzweiflung, Momente, in denen sie ihre Autonomie zu verlieren scheint. „Manchmal freilich ist es, als legte sich eine Ascheschicht über mein Herz. Und dann kommt es mir vor, als würde mein Gesicht vor meinen Augen welken und vergehen, … mein Herz lässt alle Hoffnung fahren“. Etty Hillesum hat von den Vernichtungslagern gehört, in denen ihr Volk ausgerottet werden soll. Sie findet fast poetische Worte für das Schicksal, das auch ihr und ihrer Familie droht. Zwei Jahre führt sie akribisch Tagebuch und hinterlegt es bei einer Freundin, damit es veröffentlicht werden und ihre Sicht der Vorgänge unter der nationalsozialistischen Besatzung für immer und ewig wiedergeben kann. Sie will ihre Aufgabe auf Erden so gut wie möglich erfüllen. Im Vertrauen auf einen höheren Plan, ein höheres Wesen, eine höhere Gemeinschaft, die Sinn ergibt.

Etty Hillesum wird am 30.11.1943 in Auschwitz ermordet. Sie wird nur 29 Jahre alt. Unvorstellbar, dass die Gesamtausgabe ihrer Tagebücher erst 2023 in deutscher Übersetzung erschienen ist. Es ist schmerzlich zu sehen, wie sich der Hass auf alles Jüdische in Deutschland, im Land der Täter, gegenwärtig wieder Bahn bricht. Jeder und jede sollte sich der

Verantwortung bewusst sein und einen Beitrag leisten: gegen das Vergessen – die Mahnung und Erinnerung. Gegen den pöbelnden Hass gegenüber Menschen jüdischen Glaubens in unserem Land und weltweit – couragierten Beistand leisten. Im Vertrauen auf ein Du, das mir in schwierigen Situationen zur Seite steht: „Denn du bist bei mir.“

Du, das kann Gott sein, über jede Religion hinaus. Du, das sind Familie und

Freundinnen und Freunde, aber es kann auch ein Mensch sein, der hervortritt und spontan seine Hand reicht, wenn man es am wenigsten erwartet. Wichtig ist, in schweren Zeiten das Vertrauen auf das Gute in der Welt nicht zu verlieren und es mit Optimismus und einem Lächeln auf den Lippen wenigstens im Kleinen hervor zu zaubern.

Ulrike Maria Haak