Zusammenleben ermöglichen
Leben ist immer ein Zusammenleben, ob es uns bewusst ist oder nicht. Menschen leben auf vielen Ebenen zusammen. Selbst wenn wir uns aus aller Geschäftigkeit zurückziehen wollten. Wir könnten nicht existieren ohne die anderen, die unbemerkt dafür sorgen, dass wir etwas zu Essen und zum Trinken haben, dass wir Kleidung haben, Energie und Strom und vieles mehr. Kein Mensch lebt auf einer Insel. Selbst dort wären wir umgeben von einer Welt, die für unsere Existenz notwendig ist. Die Natur, Tiere und Pflanzen, von denen wir leben müssten und mit denen wir uns das Stück Insel auch teilen müssten, also irgendwie mit ihnen zusammenleben.
Wenn Zusammenleben nicht gelingt, liegt es nicht in erster Linie an den Umständen, den anderen, mit denen ich mein Leben teile oder teilen muss, sondern meist an der Einstellung.
Es geht beim Zusammenleben zwar auch darum unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden. Entscheidend dabei ist die Einstellung, mit der die jeweiligen Interessen vertreten werden. Je größer dabei das Machtgefälle zwischen den Zusammenlebenden ist, umso schwieriger ist es, unterschiedliche Interessen auszugleichen. Wer Macht hat – politisch oder auf Grund von Stärke oder Reichtum und Vermögen – und die Einstellung lebt, dass seine Interessen wichtiger und bedeutsamer wären als die der anderen, wird immer Konflikte auslösen. Das ist im öffentlichen Bereich ebenso wie im persönlichen, in Beziehungen zwischen Menschen ebenso wie zwischen Gruppen von Menschen mit unterschiedlichen Interessen. Das Recht ist dann auf der Seite des Stärkeren. Das Zusammenleben ist bestimmt von einem Gefälle von oben nach unten. Es wird dann sehr schnell zu einem Gegeneinander. Menschen werden ungerecht behandelt.
Ist ein gutes und friedliches Zusammenleben zwischen Menschen überhaupt möglich? Wer hat Recht? Wer hat das Sagen? Wer versteht die Welt richtig und was ist mit denen, die anders denken, anders fühlen, anders leben wollen als ich?
Was den einen begeistert, ist für andere vielleicht unbedeutend. Wofür die eine brennt, lässt andere eher kalt. Wofür sich einer mit aller Kraft einsetzt, kann anderen völlig unverständlich sein. Sind wir Menschen nicht viel zu verschieden, mit allzu unterschiedlichen Interessen?
Dazu leben und entwickeln wir unterschiedliche Kulturen. Je nachdem wo und in welches Umfeld wir hineingeboren wurden, sind wir Menschen recht unterschiedlich geprägt. Die einen leben in Komfortzonen, im Überfluss, während andere schon seit ihrer Kindheit auf Müllbergen oder in ärmsten Slums aufwachsen. Zwischen Menschen, die durch Hunger und Armut täglich in ihrer Existenz bedroht sind, und denen, die nicht wissen, wohin sie mit ihrem Überschuss leben sollen, ist ein großer Graben und Zwiespalt. Ein Beispiel darüber wird uns im Evangelium erzählt mit dem Reichen und Lazarus. Deren Leben ist bereits zu Lebzeiten so weit voneinander entfernt, dass selbst in der Ewigkeit ein „tiefer unüberwindlicher Abgrund“ ein Zusammenleben unmöglich macht. (Lk 16,26)
Was ist für das Zusammenleben von Menschen notwendig?
Zusammenleben zwischen Menschen, das gelingen soll, braucht ein gemeinsames Fundament. Dies sind Respekt, Wertschätzung und Achtsamkeit. Den anderen zu respektieren bedeutet, ihn oder sie so, wie sie sind und geworden sind, anzunehmen mit der je eigenen Geschichte, dem eigenen Werden, den Entwicklungen, die sie durchgemacht haben, den je eigenen Fähigkeiten und Potenzialen ihres Lebens. Hierzu bedarf es jedoch der Einstellung, den anderen mit seiner Geschichte ebenso wertvoll einzuschätzen wie sich selbst. Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe. Respekt ist eine Einstellung, die andere grundsätzlich für gleichwertig hält. Aus Respekt erfolgt Wertschätzung. Damit ist gemeint, dass das Leben einer anderen Person, ebenso wie das eigene Leben, einen eigenständigen, unvergleichlichen, unverwechselbaren Wert hat. Das verleiht jedem Menschen eine unantastbare Würde. Unabhängig von der Abstammung, der Kultur, der äußeren Erscheinungsform, ob Mann oder Frau oder anders, ob gesellschaftlich angesehen oder am Rande der Gesellschaft lebend. Selbst ein in den Augen anderer vertanes oder verpfuschtes Leben hat für den Menschen, der dahintersteckt Wert, und nimmt ihm nichts von seiner Würde als Mensch.
Mit der Einstellung von Respekt und Wertschätzung ist Achtsamkeit verbunden. Sie erkennt im anderen die Vielfalt des Lebens. Das Leben ist reich an Ausdrucksformen und damit auch an unterschiedlichsten Werten. Achtsamkeit nimmt diese Werte des Lebens als Bereicherung wahr. Sie lässt die Menschen voneinander lernen und einander ergänzen. Sie hilft am Leben selbst zu lernen. In der grenzenlosen Vielfalt des Lebens und der Menschen zeigt sich auch, dass das Leben auf Unendlichkeit hin aus-gerichtet ist.
Zusammenleben von Menschen ist eine ständige Herausforderung. Die wesentlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben sind Respekt (Begegnung auf Augenhöhe), Wertschätzung (Fairness im Umgang miteinander) und Achtsamkeit (Offenheit für Anderes, Fremdes und Lernbereitschaft).
Begegnungen auf Augenhöhe scheitern oft an der Einstellung, das eigene Leben für wichtiger, wertvoller und bedeutsamer zu halten als das der anderen. Es geht aber auch anders. Mit dem Weg und der Botschaft Jesu wird uns im Evangelium eine Haltung und Einstellung zum Leben vorgestellt, die jedem Menschen – unabhängig von seinem Status – die ihm gegebene Würde seines Menschseins zeigt. Menschen, die wegen Krankheit, Schwäche oder Andersartigkeit aus dem Leben der Gesellschaft ausgeschlossen sind, finden bei Jesus Anerkennung und Wertschätzung, die sie das Leben neu finden lassen. Menschen, die auf der Suche nach Freiheit und Frieden sind, finden bei ihm Hoffnung und Zuversicht. Menschen, die das Zutrauen zu sich selbst und ihrem Leben verloren haben, erfahren durch ihn die Liebe, die alle menschlichen Grenzen überwindet.
Zusammenleben zwischen Menschen findet seinen Höhepunkt darin, wenn Menschen einander respektvoll wertschätzen und achten und mit ihrem eigenen Leben dem Leben der anderen dienen.
(Foto von Dari Dmitrenko auf Unsplash)
Stephan Neufanger