Artikel zu den Jahresthemen der action 365

Jahresthema 2025

Das Jahresmotto der action 365 „Zusammenleben ermöglichen“ setzt in Zeiten zunehmender Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit ein Zeichen für Menschlichkeit und Zusammenhalt. Statt Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, als Bedrohung zu sehen, sollten wir ihnen offen begegnen und sie willkommen heißen. Denn Gastfreundschaft und gegenseitiger Respekt bereichern unser Zusammenleben und schaffen Vertrauen. Gerade angesichts rechtsextremer Tendenzen und zunehmenden Hasses ist es wichtiger denn je, gemeinsam für eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung einzustehen.

 

Zusammenleben ermöglichen

Zusammenleben ermöglichen

Leben ist immer ein Zusammenleben, ob es uns bewusst ist oder nicht. Menschen leben auf vielen Ebenen zusammen. Selbst wenn wir uns aus aller Geschäftigkeit zurückziehen wollten. Wir könnten nicht existieren ohne die anderen, die unbemerkt dafür sorgen, dass wir etwas zu Essen und zum Trinken haben, dass wir Kleidung haben, Energie und Strom und vieles mehr. Kein Mensch lebt auf einer Insel. Selbst dort wären wir umgeben von einer Welt, die für unsere Existenz notwendig ist. Die Natur, Tiere und Pflanzen, von denen wir leben müssten und mit denen wir uns das Stück Insel auch teilen müssten, also irgendwie mit ihnen zusammenleben.

Wenn Zusammenleben nicht gelingt, liegt es nicht in erster Linie an den Umständen, den anderen, mit denen ich mein Leben teile oder teilen muss, sondern meist an der Einstellung.

Es geht beim Zusammenleben zwar auch darum unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden. Entscheidend dabei ist die Einstellung, mit der die jeweiligen Interessen vertreten werden. Je größer dabei das Machtgefälle zwischen den Zusammenlebenden ist, umso schwieriger ist es, unterschiedliche Interessen auszugleichen. Wer Macht hat – politisch oder auf Grund von Stärke oder Reichtum und Vermögen – und die Einstellung lebt, dass seine Interessen wichtiger und bedeutsamer wären als die der anderen, wird immer Konflikte auslösen. Das ist im öffentlichen Bereich ebenso wie im persönlichen, in Beziehungen zwischen Menschen ebenso wie zwischen Gruppen von Menschen mit unterschiedlichen Interessen. Das Recht ist dann auf der Seite des Stärkeren. Das Zusammenleben ist bestimmt von einem Gefälle von oben nach unten. Es wird dann sehr schnell zu einem Gegeneinander. Menschen werden ungerecht behandelt.

Ist ein gutes und friedliches Zusammenleben zwischen Menschen überhaupt möglich? Wer hat Recht? Wer hat das Sagen? Wer versteht die Welt richtig und was ist mit denen, die anders denken, anders fühlen, anders leben wollen als ich?

Was den einen begeistert, ist für andere vielleicht unbedeutend. Wofür die eine brennt, lässt andere eher kalt. Wofür sich einer mit aller Kraft einsetzt, kann anderen völlig unverständlich sein. Sind wir Menschen nicht viel zu verschieden, mit allzu unterschiedlichen Interessen?

Dazu leben und entwickeln wir unterschiedliche Kulturen. Je nachdem wo und in welches Umfeld wir hineingeboren wurden, sind wir Menschen recht unterschiedlich geprägt. Die einen leben in Komfortzonen, im Überfluss, während andere schon seit ihrer Kindheit auf Müllbergen oder in ärmsten Slums aufwachsen. Zwischen Menschen, die durch Hunger und Armut täglich in ihrer Existenz bedroht sind, und denen, die nicht wissen, wohin sie mit ihrem Überschuss leben sollen, ist ein großer Graben und Zwiespalt. Ein Beispiel darüber wird uns im Evangelium erzählt mit dem Reichen und Lazarus. Deren Leben ist bereits zu Lebzeiten so weit voneinander entfernt, dass selbst in der Ewigkeit ein „tiefer unüberwindlicher Abgrund“ ein Zusammenleben unmöglich macht. (Lk 16,26)

Was ist für das Zusammenleben von Menschen notwendig?

Zusammenleben zwischen Menschen, das gelingen soll, braucht ein gemeinsames Fundament. Dies sind Respekt, Wertschätzung und Achtsamkeit. Den anderen zu respektieren bedeutet, ihn oder sie so, wie sie sind und geworden sind, anzunehmen mit der je eigenen Geschichte, dem eigenen Werden, den Entwicklungen, die sie durchgemacht haben, den je eigenen Fähigkeiten und Potenzialen ihres Lebens. Hierzu bedarf es jedoch der Einstellung, den anderen mit seiner Geschichte ebenso wertvoll einzuschätzen wie sich selbst. Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe. Respekt ist eine Einstellung, die andere grundsätzlich für gleichwertig hält. Aus Respekt erfolgt Wertschätzung. Damit ist gemeint, dass das Leben einer anderen Person, ebenso wie das eigene Leben, einen eigenständigen, unvergleichlichen, unverwechselbaren Wert hat. Das verleiht jedem Menschen eine unantastbare Würde. Unabhängig von der Abstammung, der Kultur, der äußeren Erscheinungsform, ob Mann oder Frau oder anders, ob gesellschaftlich angesehen oder am Rande der Gesellschaft lebend. Selbst ein in den Augen anderer vertanes oder verpfuschtes Leben hat für den Menschen, der dahintersteckt Wert, und nimmt ihm nichts von seiner Würde als Mensch.

Mit der Einstellung von Respekt und Wertschätzung ist Achtsamkeit verbunden. Sie erkennt im anderen die Vielfalt des Lebens. Das Leben ist reich an Ausdrucksformen und damit auch an unterschiedlichsten Werten. Achtsamkeit nimmt diese Werte des Lebens als Bereicherung wahr. Sie lässt die Menschen voneinander lernen und einander ergänzen. Sie hilft am Leben selbst zu lernen. In der grenzenlosen Vielfalt des Lebens und der Menschen zeigt sich auch, dass das Leben auf Unendlichkeit hin aus-gerichtet ist.

Zusammenleben von Menschen ist eine ständige Herausforderung. Die wesentlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben sind Respekt (Begegnung auf Augenhöhe), Wertschätzung (Fairness im Umgang miteinander) und Achtsamkeit (Offenheit für Anderes, Fremdes und Lernbereitschaft).

Begegnungen auf Augenhöhe scheitern oft an der Einstellung, das eigene Leben für wichtiger, wertvoller und bedeutsamer zu halten als das der anderen. Es geht aber auch anders. Mit dem Weg und der Botschaft Jesu wird uns im Evangelium eine Haltung und Einstellung zum Leben vorgestellt, die jedem Menschen – unabhängig von seinem Status – die ihm gegebene Würde seines Menschseins zeigt. Menschen, die wegen Krankheit, Schwäche oder Andersartigkeit aus dem Leben der Gesellschaft ausgeschlossen sind, finden bei Jesus Anerkennung und Wertschätzung, die sie das Leben neu finden lassen. Menschen, die auf der Suche nach Freiheit und Frieden sind, finden bei ihm Hoffnung und Zuversicht. Menschen, die das Zutrauen zu sich selbst und ihrem Leben verloren haben, erfahren durch ihn die Liebe, die alle menschlichen Grenzen überwindet.

Zusammenleben zwischen Menschen findet seinen Höhepunkt darin, wenn Menschen einander respektvoll wertschätzen und achten und mit ihrem eigenen Leben dem Leben der anderen dienen.

(Foto von Dari Dmitrenko auf Unsplash)

Stephan Neufanger

 

Zusammenleben ermöglichen

Zusammenleben ermöglichen

Es ist beunruhigend: weltweit scheinen Vernunft und Nächstenliebe auf dem Rückzug, weltweit bekommen autoritäre Parteien mit rechtsextremen Tendenzen Zulauf. Ob in Europa oder in den USA, unter dem neuen alten Präsidenten Trump – das Thema Einwanderung taugt zur Stimmungsmache gegen „die Anderen“. Gegen Menschen, die ihre Heimat verlassen, weil sie dort in Gefahr sind oder keine Perspektive haben, und Schutz und eine sichere Zukunft in der Fremde suchen. Sie werden nicht als Bereicherung für unsere Gesellschaft gesehen, als zukünftige Mitbürgerinnen und Mitbürger, sondern als Bedrohung. Kein Wahlkampf, in dem Politiker oder Politikerinnen nicht das Thema Migration als Abschreckung im Munde führen und die Stimmung weiter aufheizen. Je weiter die Grenze des Sagbaren aufgeweicht wird, umso radikaler werden die Tendenzen gegen Einwanderung. Ja, sogar von „Remigration“ von Menschen mit Migrationshintergrund ist bei der AfD die Rede.

In diese aufgewühlten Zeiten passt das Jahresmotto der action 365: „Zusammenleben ermöglichen“. Ein positives Signal, das auch die Gestaltung des aktuellen Posters bestimmt: (Öffnet in einem neuen Tab) Buntgekleidete Figuren formen einen Halbkreis, in dessen Mitte es golden glänzt. Die Künstlerin Juliane Wanner entwirft das Bild eines Miteinander und Füreinander, ein lebendiges Zusammenleben, geprägt von Gastfreundschaft und gegenseitigem Respekt. Eine solche Gemeinschaft kann Wertvolles hervorbringen.

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“ Das Zitat aus dem Hebräerbrief ist ein schönes Gleichnis dafür, wie bereichernd und erfüllend es ist, jemanden willkommen zu heißen. Und es verweist auf die Gegenseitigkeit einer solchen Begegnung. Es ist nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen. Menschen, die fremd in unser Land kommen, sind in der Mehrzahl daran interessiert, sich in diese Gesellschaft einzubringen, sobald sie die Barrieren der Bürokratie und des Sprachlernens überwunden haben. In vielen Branchen werden Fachkräfte dringend benötigt, gerade auch in der Krankenpflege. Es gibt genug Erfolgsgeschichten von eingewanderten Menschen, die eine Berufsausbildung abgeschlossen haben und nun auf eigenen Füssen stehen können. Aber zuerst muss es da eine Kultur geben, die ihnen freundlich gegenübersteht und sie als das nimmt, was sie sind: Menschen in Not, denen man die Hand reichen sollte.

Geschockt von dem Ergebnis der Landtagswahl in Thüringen, bei der die rechtsextreme AfD stärkste Partei wurde, veröffentlichten Überlebende der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora folgendes eindrucksvolles Statement: “Unser Kampf für eine pluralistische und respektvolle Gesellschaft muss fortgesetzt werden. Werte wie Frieden, Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Offenheit sind der Kern dieser Gesellschaft; eine Gesellschaft, die Hass, Antisemitismus, Antiziganismus, Ausgrenzungen bekämpft; eine Gesellschaft, die sich erinnert, nicht aus Masochismus, sondern aus Liebe zu den Werten, die das Zusammenleben ermöglichen.“ Es ist erschreckend, dass im Deutschland des 21. Jahrhunderts solch ein Statement nötig ist. Dass Menschen, die vom nationalsozialistischen Regime aufs Schlimmste verfolgt und gefoltert wurden, die diese Schreckensherrschaft überlebten, heute bangen müssen, dass sich diese Zeit wiederholt. Wenn Verteidiger der Demokratie, wie der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, Morddrohungen erhalten, sind sie schon wieder am Gären, diese Zeiten. Umso dringlicher ist unser aller Einsatz für freiheitliche demokratische Werte, für ein Miteinander ohne Ausgrenzung, jetzt und überall. Auf Menschen zuzugehen, gemeinsam eine Zukunft ohne Hass und Misstrauen zu gestalten, ist jetzt notwendiger denn je.

Ulrike Maria Haak